Insomnia ~ Interview mit Jilliane Hoffman

12/28/2016

Passend zum neuen Buch von Jilliane Hoffman "Insomnia" hatte ich die Möglichkeit die Autorin mit ein paar Fragen zu löchern. Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass sich Jilliane Hoffman die Zeit genommen hat, um meine Fragen zu beantworten. Wenn es überhaupt möglich ist, ist sie mir durch die Antworten nur noch sympathischer geworden! Ich liebe ihre Bücher und für Thriller-Fans ist auch ihr neuestes Buch eine dringende Lesempfehlung von mir! 
Nun aber zum Interview:


Meiky:
Seit Bobby Dees letztem Fall (Mädchenfänger) ist einige Zeit vergangen. War es immer ein Vorhaben einen neuen Fall für ihn zu kreieren? Sind weitere Bücher mit diesem Ermittlerteam geplant?


Jilliane Hoffman:
Anfangs war es nicht mein Plan eine Fortsetzung zu „Mädchenfänger“ zu schreiben. Bei meinen ersten Überlegungen zum Plot von „Insomnia“ – welches eine verstörende und dunkle Geschichte werden sollte, die auf der Fabel „Der Hirtenjunge und der Wolf“ (The Boy who Cried Wolf) basiert - habe ich noch nicht an Bobby Dees gedacht. Ich hatte vielmehr diese neue Figur im Kopf, die ich erforschen und entdecken wollte: den verwundbaren und fehlerhaften Teenager „Mallory Knight“. Als sich die zweite Hälfte der Geschichte langsam zu entwickeln begann, kam mir die Rückkehr von Bobby Dees in den Sinn und plötzlich passte alles zusammen. Dees arbeitet im Dezernat für Verbrechen gegen Kinder beim FDLE und war somit die beste Wahl, um auch an dem aktuellen Verschwinden von jugendlichen Mädchen in Süd-Florida mitzuarbeiten. Bobby Dees ist eine Figur, über die ich in „Mädchenfänger“ gerne geschrieben habe. In dieser neuen Geschichte konnte ich die Chance nutzen und seine Beziehung zu seiner damals verschwundenen Tochter Katie erforschen und die Folgen ihres Verschwindens, auch in Bezug auf Bobby Dees Karriere, darlegen. Es war einfach eine tolle Gelegenheit, um eine großartige Figur zurückzuholen. Eines Tages würde ich Bobby Dees gerne mit der Staatsanwältin CJ Townsend, Detective Manny Alvarez und Special Agent Dominick Falconetti aus der Cupido-Reihe zusammenbringen. Hey! Vielleicht ist das mein neues Buch…



Meiky:
Alle Ihre Bücher beinhalten brutale und furchtbare Geschehnisse. Als Leser ist man nach dem Lesen solcher Szenen oft ein bisschen ängstlich oder sogar paranoid. Wie sehr beschäftigt Sie das Schreiben solcher Szenen im Nachhinein oder haben Sie schlaflose Nächte aufgrund bestimmter Szenen in Ihren Büchern? Können Sie noch im Erdgeschoss schlafen ohne an die grausamen Figuren Ihrer Bücher zu denken?


Jilliane Hoffman:
Zuerst möchte ich mich bei Ihnen dafür entschuldigen, dass ich Sie erschreckt habe, aber eigentlich bin ich begeistert zu hören, dass Ihnen manche Szenen meiner Bücher Angst eingejagt haben. Ich versuche spannende Szenen zu schreiben, ohne allzu brutal zu werden. Ich überlasse die Gewalt, die dem Opfer tatsächlich angetan wird, der Vorstellungskraft des Lesers. Spannend ist, dass die Vorstellungen der meisten Leser viel schlimmer sind als alles, was ich schreiben könnte. Ein typisches Beispiel: die Vergewaltigung in „Cupido“. Leser erzählten mir, wie schrecklich sie diese Szene und all die furchtbaren Dinge fanden, die der armen Chloe Larson passiert sind. Aber wenn Sie das Buch aufschlagen und nachlesen würden, würden Sie merken, dass ich niemals wirklich beschrieben habe, was der Clown ihr alles angetan hat. Ich treibe es absichtlich nicht so weit, da ich denke, dass es für den Leser viel unheimlicher ist mit ihr in einem Raum zu sein und nicht zu wissen, was er ihr angetan hat. Tatsächlich macht es mir sogar Spaß, solche Szenen zu schreiben oder einen Bösewicht zu entwickeln, der mich selbst ängstigt. Es ist wie Adrenalin. Probleme im Erdgeschoss zu schlafen habe ich nicht. Aber ich versichere mich immer, dass die Türen und Fenster abgeschlossen sind und der Alarm angeschaltet ist. Außerdem schlafe ich neben meinem Ehemann, der eher einen leichten Schlaf hat und zwei großen Hunden, die jeden fressen würden, der versuchen würde ins Haus zu kommen. Wir sind also alle sicher!


Meiky:
Das spannendste an einem Thriller ist für mich häufig die Auflösung. Wissen Sie schon, wer der Täter sein wird, wenn Sie ein neues Buch beginnen? Planen Sie alles von Anfang an? Oder überraschen Ihre Figuren Sie auch manchmal mit ihren Handlungen?


Jilliane Hoffman:
Im Wesentlichen weiß ich wer meine Figuren sind, was ihre Rollen sind und wer die Bösen in meinen Büchern sein werden. Ich möchte eine Handlung entwerfen, die einen roten Faden, aber auch diverse falsche Fährten und überraschende Wendungen parat hat. Und dazu muss ich meine Figuren ausarbeiten, damit der ultimative Twist am Ende zwar überraschend, aber nicht unrealistisch erscheint. Hierfür ist eine genaue Planung unbedingt notwendig. Ab und zu ändere ich Dinge, füge einen Bösen hinzu oder ändere eine Figur, aber normalerweise sind meine Hauptfiguren definiert und entwickelt, bevor ich mir meinen Stift zu schnappe und mit dem Schreiben anfange.




Meiky:
Ich kann mir vorstellen, dass Sie während Ihrer Zeit als Staatsanwältin viele furchtbare Geschichten mitbekommen haben. Nutzen Sie diese Erfahrungen als Inspiration oder woher nehmen Sie sonst noch Ideen?


Jilliane Hoffman:
Ich habe zehn Jahre als Staatsanwältin gearbeitet und diese Erfahrungen liefern mir definitiv ein paar großartige Ideen für Thriller. Manche der Angeklagten, die ich oder meine Freunde angeklagt haben, haben mir als Inspiration für die verrücktesten und fiesesten Figuren gedient. Ansonsten reicht es mir auch die Zeitung aufzuschlagen oder einen Artikel im Internet anzuklicken, um inspiriert zu werden. Immer wenn ich denke, dass ich bereits das Schlimmste gesehen habe, was die Gesellschaft zu bieten hat, entdeckte ich dort eine Geschichte, die mir zeigt, dass es noch etwas Schlimmeres gibt. Die Realität ist immer verstörender und dunkler als jede Geschichte, die ich mir ausdenken könnte. Zum Beispiel gab es einen lokalen Immobilienmakler in South Carolina, der eine Frau und ihren Freund entführt hat. Er ermordete den Freund vor den Augen der Frau, kettete diese in einen Lagercontainer und ging zu seinem Job. Die Polizisten, die das letzte Handysignal der Frau zwei Monate nach dem Verschwinden des Pärchen untersucht haben, fanden die Frau und drei weitere Leichen auf dem Gelände. Außerdem lösten sie einen vierfachen Mord, der 13 Jahre zuvor stattgefunden hatte. Der Immobilienmakler war ein erfolgreiches und leistungsfähiges Mitglied der Gesellschaft. Seine Mutter gab in einer lokalen TV-Sendung ein Interview, wodurch ziemlich ersichtlich war, dass sie wusste, dass ihr Sohn ein Serienmörder war, und dass sie nichts getan hat, um ihn daran zu hindern. Ich könnte mir so etwas nicht ausdenken, aber ich kann mich von diesen wahren Geschichten inspirieren lassen.



Meiky:
In Ihrem Buch verändert Mallory ihren Namen und ihr ganzes Erscheinungsbild. Wenn Sie die Chance hätten irgendwo neu zu starten, würden Sie etwas in Ihrem Leben ändern (zum Beispiel Ihren Beruf oder das Land in dem Sie leben)?


Jilliane Hoffman:
Das ist eine tolle Frage! Ich denke, dass jeder verschiedene Karrieren in sich hat. Wenn man Glück hat, kann man während seiner Lebenszeit mehr als einen Beruf ausüben. Zu meiner Zeit auf dem College wollte ich Schauspielerin werden, aber letztendlich hatte ich nie den Antrieb zu einem Vorsprechen zu gehen und einen Beruf zu wählen, der so wenige Sicherheiten bietet. Also entschied ich mich für das Jurastudium. Das führte dazu, dass ich Staatsanwältin wurde, was mich dazu gebracht hat Thriller zu schreiben. Wenn ich die Zeit zurückdrehen und einen Neustart machen könnte, würde ich ehrlich gesagt doch den Weg als Schauspielerin wählen und vielleicht auch eine Karriere als Comedian. Im Grunde genommen ist der Grat zwischen Comedy und Tragödie sehr schmal. Ich glaube, jeder hat schon mal  darüber nachgedacht, wie und wo er neu anfangen und welche Identität er annehmen würde, wenn die Umstände ihn dazu zwingen. Ich wäre irgendwo in Europa und würde ein Leben auf der dunklen Seite – als Brünette – wählen. Nein, ich scherze! Ich würde blond bleiben. Wir haben mehr Spaß.




Meiky:
Nachdem Sie nun schon so viele erfolgreiche Bücher geschrieben haben: besprechen Sie Ihre Ideen oder ersten Versionen Ihrer Bücher mit Freunden und Verwandten? Falls ja, mussten Sie schon einmal ganze Szenen oder Abschnitte ändern wegen dieses Feedbacks?


Jilliane Hoffman:
Ab und zu bespreche ich Plots mit Freunden oder der Familie. Wenn ich eine richtig gute Szene geschrieben habe – eine, bei der sogar ich mich fürchte – teile ich diese gerne mit meinen Töchtern oder meinem Mann. Generell mag ich es aber nicht, jemandem einen Teil meines Buches zu geben, ehe ich es beendet habe. Eine Meinung zu einem Teilstück zu bekommen,  wäre eher verwirrend als hilfreich, denn ich selbst habe ja das große Ganze der Geschichte im Blick, besonders bei Büchern, in denen ich den Leser auf eine bestimmte falsche Fährte führen möchte, während der Testleser eben nur einen Aussschnitt sieht. Aus diesem Grund warte ich meistens bis ich komplett fertig bin. Ich habe zum Beispiel damals meiner Schwägerin das Manuskript von „Argus“ gegeben, als ich mit dem Schreiben fertig war. Sie hat mich auf etwas in CJ Townsends Charakter hingewiesen, das ich nicht ignorieren konnte, egal wie sehr ich es versucht habe. Letztendlich musste ich einen Teil umschreiben und das hat das Buch ehrlich gesagt zu einem besseren gemacht.


Meiky:
Erlauben Sie Ihren Kindern Ihre Bücher zu lesen? Was denken die beiden darüber?


Jilliane Hoffman:
Ha! Meine Töchter sind mittlerweile 19 und 21 und dürfen natürlich meine Bücher lesen. Sie lieben meine Bücher, aber sie finden sie auch verstörend, nicht unbedingt die Gewalt sondern vielmehr die Sexszenen, die ich schreibe. Meine Jüngste erzählte mir, dass sie diese Szenen absichtlich auslässt, weil sie einfach zu peinlich sind. Als meine Älteste „Vater unser“ gelesen hat, war sie ungefähr 13 Jahre alt. Dieser Thriller handelt von Schizophrenie und Psychopathie. Für sie war dieses Buch so intensiv, dass sie für ein paar Wochen nachdem sie das Buch gelesen hatte, dachte, sie höre Stimmen in ihrem Kopf. Das ist nun zehn Jahre her und sie hat keine weiteren Symptome psychischer Erkrankungen gezeigt. Es hat mich sehr beeindruckt zu sehen, welchen Effekt das Buch auf sie hatte. Übrigens: Sie hat sich dazu entschieden Comedian zu werden, ich habe sie also nicht dauerhaft geschädigt.






Meiky:
C.J. Townsend, die -wie Sie damals- als Staatsanwältin arbeitet, spielt in Ihren Büchern immer wieder eine Rolle. Gibt es noch weitere persönliche Eigenschaften, die Sie an Ihre Figuren weitergegeben haben?


Jilliane Hoffman:
Jeder Mensch, mit dem ich zusammengearbeitet habe – Verteidiger, Richter, Polizisten, Kollegen/Staatsanwälte, Mediziner, Kriminaltechniker, die bösen Jungs – ist irgendwie in meine Bücher gelangt. All diese Leute haben meine Figuren beeinflusst, wie ich Dialoge schreibe und wie ich kriminalistische Szenen beschreibe. Auch meine eigenen Charakterzügen finden sich in manchen meiner Figuren wieder. Wie könnten sie auch nicht? Wenn man sich überlegt, wie eine Figur in einer bestimmten Situation reagiert, orientiert man sich auch immer an seinen eigenen Erfahrungen. In meinen weiblichen Figuren steckt definitiv ein Teil von mir. Die Hauptfigur, die am meisten durch meine Persönlichkeit geprägt ist, ist CJ Townsend. In meinem aktuellen Buch (Insomnia) spielen auch meine eigenen Erfahrungen als Teenager eine Rolle, die beeinflusst haben, wie ich Mallory Knight beschrieben habe. Auch was Mallorys Interaktionen im Studium und mit ihren Professoren und Kommilitonen angeht, gibt es Parallelen zu meinem Leben.


Meiky:
Ist es geplant Ihre Bücher zu verfilmen? Wenn ja, wer wäre Ihrer Meinung nach die perfekte Besetzung für die Rolle der C.J. Townsend oder Bobby Dees?


Jilliane Hoffman:
Ah! Die Filmfrage. Die Rechte an „Cupido“ wurden schon an Warner Brothers verkauft bevor das Buch überhaupt erschienen ist. Aber wenn es darum geht ob und wann ein Film produziert werden soll, habe ich gelernt, dass Hollywood eine ganz andere Welt ist als die Buchbranche . Manchmal dauert es Jahre, bis ein Film gedreht wird, und manchmal passiert es gar nicht. Anfangs hatte ich gehört, dass viele großartige Schauspielerinnen Interesse an der Rolle der CJ Townsend hatten: Jodie Foster, Nicole Kidman, Julia Roberts, Charlize Theron. Wenn das Buch heute verfilmt würde, wäre meiner Meinung nach Jennifer Lawrence eine sehr gute Wahl. Für Dominick Falconetti würde ich Jason Statham vorschlagen. Und Colin Farrell oder Matt Damon für Bobby Dees. Aber ich bin nicht dafür verantwortlich Schauspieler auszusuchen und das aus gutem Grund. Jetzt würde ich mich einfach nur sehr darüber freuen zu sehen, dass ein Film oder eine TV-Serie gedreht wird.





Meiky:
Gibt es ein Erlebnis aus Ihren Leben als Autorin, das sie niemals vergessen werden? Vielleicht eine besonders lustige oder berührende Geschichte?


Jilliane Hoffman:
Ja! Ich war in Berlin zu einer meiner ersten Lesereisen in Deutschland und sah meinen Namen in Leuchtbuchstaben außen am Theater. Signierstunden sind in Deutschland ganz anders als in den USA – sie sind ein richtiges Ereignis. Ich habe eine Menge Bilder davon gemacht und meinen Kindern geschickt, die bis heute nicht glauben wollen, dass es wirklich mein Name war, der dort stand. Sie denken, ich hätte das Bild gephotoshopped.


Meiky:
Als Blogger schreibe ich eine Menge Rezensionen über die Bücher, die ich gelesen habe. Lesen Sie Rezensionen zu Ihren Büchern? Wie gehen Sie mit negativen Rezensionen um?


Jilliane Hoffman:
Ja, ich lese Rezensionen zu meinen Büchern. Meistens sind sie positiv, aber es scheint, dass die negativen Rezensionen, auch wenn es nur wenige sind, diejenigen sind, an die man sich unweigerlich erinnert. Ich versuche Kritik nicht persönlich zu nehmen und wenn sie gut begründet ist, mache ich mir auch meine Gedanken dazu. Manchmal weisen Leser auf gute Punkte hin. Und selbst wenn ich die Hinweise in dem betreffenden Buch nicht mehr berücksichtigen kann, kann ich die Kritik für zukünftige Bücher nutzen. Aber man muss unterscheiden, ob es sich um konstruktive Kritik handelt oder einfach um eine bösartige Rezension von jemandem, der nicht weiß wie schwierig es ist einen komplexen Thriller zu schreiben.



Vielen Dank an den Wunderlich-Verlag für die Vermittlung des Interviews und die Bereitstellung des Rezensionsexemplares! Meine Rezension zum Buch könnt ihr hier nachlesen!

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